Inhalt»Besser kann man die 60er-Jahre nicht zusammenfassen.« Jury, Bachmannpreis 2024
Lilo will den nächsten großen Coup landen: Bademoden für die reife Frau. Das neue elastische Gewebe soll ihr den Swimmingpool hinter dem neuen Bungalow finanzieren. Doch dann steht unerwartet die Vergangenheit in ihrer Kabine. Denn neuerdings interessiert sich die deutsche Justiz für Geschäfte, die damals im besetzten Polen gemacht worden sind. Lilo und Harry sind kein unbescholtenes Paar. Sie verbindet mehr als eine unschuldige Liebe zur Mode. Auch Josef Neckermann, für dessen Versandunternehmen Harry zu arbeiten anfängt, mag lieber nach vorn als zurück blicken. Während Harry für seinen neuen Arbeitgeber auf der Leipziger Messe Verträge aushandelt, erfährt Tochter Reni mehr über die Vergangenheit deutscher Konfektionshäuser, als ihr lieb ist. – Farbig und genau erzählt Frühjahrskollektion von einer Zeit im Wandel und von Frauen, die der Verkleidungen überdrüssig geworden sind.
»Wie eine Zeitkapsel: Ich spüre, ich schmecke, ich rieche diese Zeit.« Mithu Sanyal
Autorin
Christine Koschmieder kam 1993 zum Studium nach Leipzig und machte zehn Jahre lang Off-Theater, bevor sie die Literaturagentur Partner + Propaganda gründete. Ihr Debüt »Schweinesystem« war 2014 für den Aspekte Literaturpreis nominiert. Ihr autofiktionaler Roman »Dry« wurde im Literarischen Quartett einhellig gelobt. Zuletzt erschien ihr Roman »Frühjahrskollektion«. Seit 2023 lebt sie in Sachsen-Anhalt.
- Herausgeber : Kanon Verlag Berlin
- Erscheinungstermin : 27. Februar 2025
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 288 Seiten
- ISBN-10 : 3985681597
- ISBN-13 : 978-3985681594
Meine Einschätzung
Dieser historische Roman hat mich sehr interessiert und ich wurde nicht enttäuscht. Die Autorin lässt uns lebendig teilhaben an den Entwicklungen in der Nachkriegszeit in Deutschland - sowohl im persönlichen Leben, als auch in der Wirtschaft. Die schillernde Oberfläche der 60er Jahre wird von der Autorin gekonnt genutzt, um die tiefen Risse in der deutschen Nachkriegsgesellschaft aufzuzeigen, die durch unaufgearbeitete NS Verbrechen entstanden sind. Die elegante Welt der Mode wird konfrontiert mit der brutalen Realität historischer Schuld. Das Ganze wird erzählt aus der Perspektive starker, aber darin verstrickter Frauengestalten.
Lilo, Harry und Reni sind die Hauptgestalten der Geschichte. Lilo, die geschäftstüchtige Frau mit eigenem kleinen Modeunternehmen möchte nun mit ihrer Bademode für die reife Frau durchstarten, Alles ist für die große Präsentation bereit, doch dann wird sie von der Vergangenheit eingeholt. Diese reicht zurück ins Ghetto nach Litzmannstadt - heute Lodz.
Harry fährt mit Kriegswitwen zu den Gräbern ihrer gefallenen Männer. So verdient er in den Nachkriegsjahren sein Geld, bis es Lilo gelingt, ihm einen Job bei Neckermann zu verschaffen. Davon profitiert auch sie, denn sie möchte ihre Bademode in den Katalog bringen.
Ihre Tochter Reni ist Mannequin und ihr Traum ist es mit diesem Beruf berühmt zu werden und auch in Amerika arbeiten zu können…Dabei soll ihr Fred helfen, mit dem sie liiert ist und der große Modenschauen in ganz Deutschland und im Ausland organisiert.
Alles scheint gut zu laufen…Bis die deutsche Justiz auf die Vergangenheit von Lilo und Harry stößt. Ihre Vergangenheit führt in ein polnisches Ghetto. Dort haben sie sich kennengelernt. Lilo hat dort Kinder ausgesucht, die an deutsche Familien vermittelt wurden und deren Namen dafür verändert wurden. Harry hat für die Litzmannstädter Warenhandelsgesellschaft gearbeitet, die von beschlagnahmten Textilien profitierte und damit die Werkstätten im Ghetto belieferte.
Reni möchte nun mehr über die NS Vergangenheit ihrer Eltern wissen…Dabei stößt sie auf ein Geheimnis ihrer eigenen Identität und erfährt die Wahrheit über ihren eigentlichen Vater. Besonders eindrücklich und beklemmend ist die Szene, in der Reni vom „Täterkomitee“ über die Verstrickungen der Modebranche in die „Arisierung“ aufgeklärt wird. Man erlebt als Leser hautnah das blanke Entsetzen bei Reni mit, als plötzlich so bekannte Namen, wie Neckermann und Quelle fallen. Für mich war das eine neue Information über die Geschichte dieser Modehäuser.
Die Autorin hat zum damaligen Zeitgeschehen gut recherchiert. In der Zeit des Wirtschaftswunders in Westdeutschland versucht die Familie einen großen Teil für sich abzubekommen. Man schweigt über die NS Zeit und die eigene Schuld an deren Verbrechen besonders gegen die Juden.
Die Hauptkapitel des Buches sind: Laufsteg - September 1963- Juli 1964; Materialfehler - Juli - Dezember 1964; Litzer Chic Dezember 1964; Selbstbedienung März- August 1965
Weitere Unterkapitel sind immer mit dem Namen der jeweiligen Hauptperson und dem Zeitraum der Handlung überschrieben. Die Schreibweise der Autorin ist fesselnd und sehr informativ.
Ich kann dieses Buch jedem empfehlen, der mehr über die Zeit des westdeutschen Wirtschaftswunders und die historischen Fakten wissen möchten.
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