Dienstag, 9. Dezember 2025

Rezension zu " Waldohreule" von Adam Bodor


 Inhalt

Ádám Bodors atmosphärisch und sprachlich dichte Erzählungen spielen in Vororten, Dörfern, Landstrichen von der Ostsee bis Asien, vor allem aber in uns selbst. Eine junge Frau verbringt einen Tag auf einem Gebirgspass, zwei Männer fahren mit dem Boot durch einen Abwasserkanal, eine Gruppe unterschiedlicher Menschen flicht Körbe, ein Mann hält in einer Bewegung inne und sorgt so für Unruhe. Die Welten, die uns hier begegnen, sind geheimnisvoll, doch die Regungen ihrer Bewohner verblüffend, oft erschütternd bekannt. Das Beschriebene nimmt nicht den Umweg über den Verstand der Lesenden, sondern wirkt unmittelbar, beinahe körperlich. Mit nur wenigen Worten gelingt es Bodor, die verborgensten Winkel menschlicher Empfindungen auszuleuchten, sei es Liebe, Grausamkeit, Einsamkeit oder die Verbundenheit mit der Welt. Seine Protagonisten sind Reisende, Verbannte und Neuanfänger, die sich in elegante, stets passgenaue Sätze gekleidet durch verregnete Straßen, nebelverhangene Wälder, über hitzeflirrende, ins Ungewisse führende Pfade bewegen. Die Verhältnisse sind vergänglich, wie auch immer sie gestaltet sein mögen, das weiß der Autor, und das wissen, spüren auch die, die ihn lesen – vielleicht liegt auch darin der Grund, warum diese Erzählungen so aufrüttelnd und zugleich so tröstlich sind. Ádám Bodor kennt die Fäden, aus denen das Leben sich webt, sehr genau, das zeigen, neben seinen herausragenden Romanen, auch die in den über fünfzig Jahren seines Schaffens entstandenen Erzählungen. Waldohreule ist eine in Absprache mit dem Autor getroffene Auswahl dieser Texte.

Autor

ÁDÁM BODOR, geboren 1936 in Kolozsvár, dem heute in Rumänien gelegenen Cluj. Im Alter von sechzehn Jahren wurde er als politischer Häftling für drei Jahre in Gefangenschaft gesetzt. Sein erstes Buch, Der Zeuge, wurde 1969 in Rumänien publiziert, seit den frühen 1980er Jahren lebt er in Ungarn. Ab 1990 wurde er mit seinem Roman Schutzgebiet Sinistra weltbekannt. Mehrere Erzählungen des Bandes Waldohreule wurden verfilmt. Ádám Bodors Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien von ihm im Secession Verlag der Roman Die Vögel von Verhovina, übersetzt von Timea Tankó.
  • Herausgeber ‏ : ‎ Secession Verlag Berlin
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 13. Oktober 2025
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 564 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3966391309
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3966391306

Meine Einschätzung

Das Buch „ Die Waldohreule“ ist kein einzelner Roman, sondern eine umfangreiche Sammlung des ungarischen Autors Adam Bodor.
Enthalten sind Geschichten aus über fünfzig Jahren von Bodors Schaffen. Die Texte entführen den Leser meist in typische „Bodor Landschaften“ - oft trostlose, neblige Grenzregionen, verfallende Dörfer irgendwo in Osteuropa, in den Karpaten oder fiktiven Gebieten wie dem aus seinen Romanen bekannten „Schutzgebiet Sinistra“.
Die Welt in den Geschichten wirkt oft statisch, bedrohlich und zugleich absurd komisch. Es sind Orte, an denen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint und die Zivilisation langsam bröckelt.
Die handelnden Personen sind oft Außenseiter, Wartende oder Menschen, die in bürokratischen oder totalitären Mühlen feststecken. Bodor beschreibt ihre Handlungen präzise, lässt aber ihre Motive oft im Dunkeln. Es geht um Machtstrukturen, das Leben in der Diktatur (Bodor war in Rumänien politischer Gefangener), die Einsamkeit und die seltsame Schönheit im Verfall.
Mit der Erzählung „Der Euphrat bei Babylon“ verarbeitet der Autor seine eigenen Erfahrungen in der Haft. Diese Erzählung ist ein Höhepunkt dieses Buches.
„Waldohreule“ ist ein Meisterwerk - mit dem Lesen der Geschichten betritt der Leser eine Welt, die unseren Albträumen näher ist als der Realismus. Die Schreibweise oft mit einfachen Worten, aber zugleich poesievoll, reißt den Leser in eine besondere literarische Welt. Der Autor beschreibt Grausamkeit und Schönheit mit derselben Gelassenheit und berührt den Leser auf eine ganz besondere Art. Das Besondere an diesem Band ist die Mischung aus Beklemmung und groteskem Humor. Bodors besondere Art ist es, in nur ihm eigenen Tonfall zu schreiben: knapp, visuell wuchtig und voller Geheimnisse. Nichts wird auserwählt, das Wichtigste passiert oft zwischen den Zeilen oder im Nebel, der über seinen Landschaften liegt.
Das ist keine leichte Lektüre für den Strand, sondern ein Buch für Leser, die Literatur als Kunstform schätzen.
Die Übersetzung von Timea Tanko fängt Bodors sprachliche Eleganz hervorragend ein.
Ein Buch, das düster und fordernd ist, aber auf eine seltsame Art auch tröstlich, weil es menschliche Würde an den unwirtlichsten Orten aufspürt.
Ein Muss für Fans von osteuropäischer Literatur und magischem Realismus.

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